My Crime Time – „Nichts geht mehr“

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Wie gerne würde ich jetzt begeistert aufbrüllen, dass es einen Noir-Krimi von Ray Banks auch endlich in deutscher Übersetzung gibt; dass das viel zu lange gedauert hat, bis das der Fall war; dass wir genau solche Noirs brauchen. Das stimmt zwar alles, aber das war mir vor der Lektüre nicht klar. Ich wusste nicht, wer dieser Ray Banks ist. Und ich hatte keinen blassen Schimmer, wie sehr er mich mit seinem Krimi umhauen würde, weil nicht nur sein Plot, sondern auch sein Stil und sein Sprachgefühl genial sind.

Es ist hoffnungslos – wie halt in jedem Noir: tagsüber quält sich Alan Slater durch seinen Job als Doppelglasfensterverkäufer. Das ist genauso öde und abgefuckt, wie es klingt. Abends und nachts säuft und zockt er sich mit seinem besten Freund Les Beale durch die Casinos und schäbigsten Pubs von Manchester, wenn er nicht gerade seine Frau Cathy mit der Studentin Lucy betrügt. Trostloser geht es kaum noch. Na ja, geht es doch, denn Les ist so ein waschechter Maulheld-Wichtigtuer mit großen Träumen und cholerischen Anfällen, die letztlich in die Katastrophe führen. Denn Les will beim Pokern das schnelle Geld machen. Deswegen schleust er sich bei speziellen Turnieren ein und nimmt Alan als Maskottchen und Andstandswauwau mit. Eigentlich findet Alan das zum Kotzen, aber hey, was soll er machen? Les ist nun mal sein bester Freund. Also zieht er mit – außer an diesem einem Abend, an dem alles aus dem Ruder läuft: Les wird gelingt und abgezockt, verliert eine Menge Geld, prügelt als Dank den Initiator tot und bettelt Alan schließlich an, ihm bei der Beseitigung der Leiche behilflich zu sein. Alan, der in „Dead Money“ auf sehr unterschiedliche Weise auf den Hund gekommen ist, bevor er vor selbige geht, packt mit an. Bester Freund hat, ich erwähnte es. Da kann man den anderen schon mal richtig scheiße finden und trotzdem helfen. Als dann aber auch noch ein Geldhai hinter Les her ist, wird Alans abgefucktes Leben konsequent zermalmt …

„Dead Money“ beginnt absolut trist und abgebrochen, mündet in einer Katastrophe – und ist hinterher noch viel, viel schlimmer. Genau das liebe ich am Noir so. Nichts schneidet schärfer ins Lesegemüt als die Hoffnungslosigkeit als Einbahnstraße: es gibt nur einen Weg hinein, aber niemals hinaus. Ray Banks beherrscht dieses Noir-Prinzip in Perfektion, denn schließlich weiß er, wovon er schreibt, hat er doch selbst mal Doppelglasfenster verhökert und als Croupier in Manchester gearbeitet (bis Diebe mit einem Auto ins Casino gedonnert sind, um selbiges auszurauben). Und es gab eine Zeit, in der Banks auch nie so richtig nüchtern war. Das alles fließt in dieses Debüt mit ein. Es sind Erfahrungen, die die Figuren so glaubwürdig, so wahrhaftig machen, dass es beim Lesen vor Freude fast schon weh tut, weil hier alles leicht und natürlich fließt, aber auch einen enormen Tiefgang hat. Das ist ziemlich beeindruckend. Jedenfalls für mich.

Ich kann mir (und uns) jetzt nur noch die Daumen drücken, dass der Polar Verlag auch noch die anderen Bücher von Banks nach Deutschland bringt. Diese Art von Noir brauchen wir. Unbedingt. So schnell wie möglich. In Schottland gilt er schließlich als Kultautor. Höchste Zeit, dass er es auch hier wird.

 

Rezension von Nicole Korzonnek

https://mycrimetimeblog.wordpress.com/2015/02/03/nichts-geht-mehr-dead-money-von-ray-banks/

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