My Crime Time – „Im ungerechten Grau der Immobiliengeisterstadt“

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Veröffentlicht am 19. Oktober 2014 von My Crime Time, von Nicole Korzonnek

Dublin nach dem gnadenlosen Würgegriff der Bankenkrise. Der Stadt geht noch immer die Luft aus. Leerstehende Gebäude als Mahnmal der Immobilienblase. Überall verrotten die geschlossenen Geschäfte. Auf den Straßen irren die Arbeitslosen umher. Ohne Ziel. Ohne Perspektive. Ratlosigkeit, wohin man auch schaut. Und Hoffnungslosigkeit. Die Zukunft, die war gestern. Heute ist man schon längst in der Realität angekommen. Und die ist düster. Verdammt düster. In dieser quasi vorprogrammierten beklemmenden Atmosphäre lässt Gene Kerrigan seinen im Jahr 2012 mit dem Gold Dagger Award ausgezeichneten Roman „Die Wut“ spielen.

Und der Titel dieses feinen Irish-Noir-Krimis ist hier Programm. Da hätten wir zum Beispiel Detective Sergeant Bob Tidey, der den scheinbaren Selbstmord eines Bankers aufklären soll, schnell einem echten Tötungsdelikt auf die Schliche kommt und der wahnsinnig wütend ist. Wütend auf seine Kollegen, die nur allzu leichtfertig den gerechten Weg verlassen und das Gesetz auf der Straße gerade so beugen, wie es ihnen passt. Er ist auch wütend auf seine Vorgesetzten, die sich in Machtränkespielchen verlieren und deswegen schon längst nicht mehr erkennen, was wirklich rechtens ist, was letztlich sogar zu Tideys Suspendierung führt. Er ist wütend auf die Gesellschaft, weil sie ist, wie sie ist, und weil sie sich nicht dagegen wehrt, sondern sich einfach ihrem Schicksal ergibt. Aber vor allem ist er wütend auf sich selbst, weil er seinen eignen Ansprüchen nicht gerecht wird.

Außerdem hätten wir da noch den Kleinkriminellen Vincent Naylor. Auch er ist wütend. Wütend, weil er so lange im Knast gesessen hat. Er ist wütend, dass sich die Freiheit trotzdem so schnell verbraucht. Wütend, dass er erst jetzt den ganz großen Coup landen will, indem er zusammen mit seinem Bruder einen Geldtransporter überfällt. Noch wütender wird er, als der Raub schiefgeht und sein Bruder stirbt. Und am allerwütendsten ist die Rache, die Vincent Naylor deswegen nimmt.

Und dann wäre da noch die alte Nonne, die das Bindeglied zwischen Tidey und Naylor ist, die sich natürlich hier irgendwann begegnen. Auch die Nonne ist wütend. Wütend auf eine Welt, in der es so viel Schlechtigkeit und Verkommenheit gibt. Aber auch sie ist vor allem wütend auf sich selbst, weil sie weggeschaut hat, als sie hätte hinschauen und anklagen müssen, um Kinder zu schützen, die durch ihr Schweigen durch die Hölle namens sexueller Missbrauch gehen mussten.

Wohin man auch schaut: die Welt, in der Kerrigan seine Figuren an sich selbst verkommen lässt, ist grau und trist und ungerecht. Verzweifelte Menschen müssen hier ausweglose Situationen meistern, an denen sie konsequent scheitern. Mehr Noir geht nicht. Mehr Wahrhaftigkeit aber auch nicht. Sehr beeindruckend.

Gene Kerrigan: Die Wut. Polar Verlag, 2014. 315 Seiten. Übersetzt von Antje Maria Greisiger. 14,90 Euro (eBook 9,99 Euro)

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