My Crime Time – „Eine Nacht voller Ewigkeit“

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Nein, nein, nein, nein! Es kann einfach nicht sein, dass dieser grandiose Noir-Krimi von einem 15-jährigen Jungen geschrieben wurde! Okay, Atkins hatte den ersten Entwurf dann mit 17 fertig und überarbeitete auch diesen so lange, bis das Buch dann drei weitere Jahre erschien. Debüts von 20-Jährigen sind inzwischen so selten nicht. Aber nein, nein, nein, es kann einfach nicht sein, dass so ein atmosphärisch dichter Roman, mit einer so stringenten und tiefgründigen Figurenzeichnung und einer so phänomenal scharfen Beobachtung einer Zeit, die sich gerade den letzten Zügen der Prohibition entwindet, während sie von der Großen Depression im Würgegriff gehalten wird und der Zweite Weltkrieg bereits seine Schatten vorauswirft, aus der Feder eines derart jungen Mannes stammt, der hier derart lebensklug und gemütsdurchleuchtend schreibt, dabei aber selbst noch gar nicht so viel Lebenserfahrung besitzen kann, um genau das zu tun. Und nein, nein, nein, es kann auch nicht sein, dass dieser Junge aus Neuseeland stammt, noch nie in den Vereinigten Staaten war und dann derart gut und scharf und pointiert über die Gesellschaft dort schreibt. Das alles kann und kann und kann nicht sein. Und doch ist es so. Ben Atkins ist 20 Jahre alt. „Stadt der Ertrinkenden“ ist sein Erstling. Und was für eins!

Wir schreiben den Abend des 11. November 1932 in einer nicht näher benannten amerikanischen Großstadt. Und wir folgen dem Ich-Erzähler Fontana, auch einfach nur mal „Fonty“ genannt, der seines Zeichens Gangster ist. Oder genauer: Alkoholschmuggler und Ausputzer. Und auszuputzen hat diese verwrackte Gestalt (tote Liebe dank toter Frau, was wiederum quälend reale Albträume zur Folge hat) in dieser Nacht genug – nämlich bis an den Rand seiner Empfindungsmöglichkeit, wo Lüge und Wahrheit nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind. An Fontys Seite taucht man als Leser tief hinab in eine bitterdunkle Halbwelt, die in Bars, Spelunken, Seitengassen, Spielhöllen und unter dem grausam-harten Schein von Straßenlaternen spielt. Menschenträume zerplatzen hier wie Seifenblasen, während in der Luft der Restatem von billigem Fusel hängt. Schweiß und Tränen vermischen sich mit Träumen und Hoffnungslosigkeit. Überall hört man das Echo der heimlichen und der offenen Gewalt. Und alle, alle, alle haben nur ein Ziel: Geld. Viel Geld. Was absoluter Schwachsinn ist, was Fontana ja auch erkennt: „Für Geld machen Menschen dumme Sachen.“ Und trotzdem erliegen sie allesamt dem Ruf eben jenes Geldes und scheitern dabei in einer Welt, die Erfolg nur vorgaukelt und statt Zufriedenheit einfach noch mehr Verzweiflung sät.

Wo James Joyce vierundzwanzig Stunden brauchte, um die Welt eines Buchuniversums zu zeichnen, benötigt Atkins lediglich zwölf Stunden. Von Sonnenuntergang bis Sonnenaufgang. In nur zwölf Stunden erschafft, durchleuchtet, seziert und zerstört er eine ganze Epoche der Trostlosigkeit, lässt sie unter seiner schreibenden Hand geradezu verrotten. Sein Hoffnungsloswerkzeug der Wahl: eine dichte, präzise und zum Großteil höchst poetische Sprache, die dank ihrer immensen Kraft und Reifheit absolut nichts Pathetisches oder gar Überflüssiges hat, sondern jede Situation, jeden Gemütszustand, jede Seelenklippe genau auf den Punkt bringt.

Ihr seht schon, ich bin ziemlich beeindruckt und begeistert von diesem Krimi. Aber vor allem staune ich, denn ich kann es immer noch nicht glauben, dass diese lebenskluge Erzählwucht von einem derart jungen Mann geschrieben wurde. Lesen! Und dann Daumen drücken. So wie ich es gerade tue. Weil ich nämlich inständig hoffe, dass „Stadt der Ertrinkenden“ nicht nur ein One-Hit-Wonder im Krimibereich ist, sondern Atkins mit vielen, vielen weiteren phänomenalen Büchern beweist, dass er ein absolutes Ausnahmetalent ist.

Rezension von Nicole Korzonnek

https://mycrimetimeblog.wordpress.com/2015/03/02/eine-nacht-voller-ewigkeit-stadt-der-ertrinkenden-von-ben-atkins/

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