Kriminalakte – Bill Moody ist nicht „Der Spion, der Jazz spielte“

 

Jazz ist in einem guten Noir nichts wirklich ungewöhnliches. Jedenfalls wenn eine LP aufgelegt wird. Auch in Hardboiled-Krimis hört der Protagonist oft Jazz. Aber erst mit den Evan-Horne-Privatdetektivromanen gab es mehrere Romane, in denen Jazz und Krimi untrennbar miteinander verbunden waren und Autor Bill Moody, selbst ein gestandener Jazz-Schlagzeuger, locker sein musikalisches Wissen (Theorie und Praxis) mit spannenden Krimiplots verband ohne in peinliches Namedropping oder Klugscheißereien über den einzig wahren Jazz zu verfallen. Vier dieser Evan-Horne-Romane erschienen im Unionsverlag. Sie wurden breit abgefeiert, gefielen auch mir und sind inzwischen vor allem antiquarisch erhältlich. Drei sind noch nicht übersetzt.
In seinem bei uns neuesten Roman „Der Spion, der Jazz spielte“, der eigentlich Moodys erster Roman war, der dann durch fast schon abenteuerliche Umstände (die Alf Mayer im Nachwort schildert) erst 2012 veröffentlicht wurde, spielt der Jazz, trotz des Titels, eher eine Nebenrolle.
Gene Williams ist ein US-amerikanischer Jazz-Drummer, der im August 1968 eine Einladung von Jan Pavel erhält, ihn in dessen Band auf dem Prague Jazz Festival zu begleiten. Aber Gene kommt in Prag kaum zum Spielen, weil die CIA ihn vorher in London rekrutierte. Denn der langjährige und extrem vertrauenswürdige Informant Josef Bláha will seinem CIA-Führungsoffizier Allan Curtis brisante Informationen nur geben, wenn er sie an eine den osteuropäischen Geheimdiensten vollkommen unbekannte Person geben kann. Bláha fühlt sich verfolgt. Und Curtis hält Williams für den perfekten Mann: er ist als Jazzer vollkommen unverdächtig; er hat ein Visum, eine bombenfeste Tarnung (nämlich die Wahrheit) und einen guten Grund, um Bláha zu kontaktieren. Denn Bláha ist ein Notenkopist (Uh, gibt es den Beruf heute noch?).
Natürlich geht die geplante einfache Übergabe schief. Bláha wird ermordet. Williams wird von Geheimdienstlern entführt und Bláhas Enkelin Lena will ihm die wichtigen Informationen überreichen, die Bláha ihm geben wollte. Dummerweise wissen beide nicht, was ihnen Bláha geben wollte und wo sie versteckt sind. Also tut Williams das, was Jazzer immer tun und prinzipientreue Geheimdienstler genau deshalb fürchten: er improvisiert.
All das geschieht vor dem Hintergrund der Präsidentschaft von Alexander Dubček, der in der Tschechoslowakei einen „Sozialismus mit menschlichem Anlitz“ verwirklichen wollte, und alle überlegten, wann die Sowjets dieses Experiment, den Prager Frühling, mit militärischer Gewalt beenden. Am 21. August 1968 marschierte das Militär ein.
Vor diesem ausführlich geschildertem Hintergrund entwickelt sich ein flottes Agentenabenteuer, in dem Gene Williams als Geheimagent wider Willen heftig improvisieren muss. „Der Spion, der Jazz spielte“ ist noch nicht so elegant, wie Bill Moodys Evan-Horne-Privatdetektivromane. Es ist, trotz mehrerer Überarbeitungen, ein Erstlingswerk. Es ist auch ein Blick zurück in die Welt des Kalten Krieges, in der die Fronten klar waren und es eine blühende Kultur pulpiger Agententhriller gab. Und weil Bill Moody damals auf musikalischer Mission in Prag war, liest sich seine Geschichte auch authentischer als die Werke all der anderen Autoren, die über den Ostblock nur aus zweiter und dritter Hand schreiben konnten; – falls sie (und wir als Leser) überhaupt ein Interesse an Authentizität hatten.

Besprechung von Axel Bussmer

https://kriminalakte.wordpress.com/2015/12/09/bill-moody-ist-nicht-der-spion-der-jazz-spielte/

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