Krimi-Welt – „Welt der Willkür“

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Zu den unerfreulichen Überraschungen des Krimijahrs 2015 zählt für mich, dass Ben Atkins Debütroman „Stadt der Ertrinkenden“ bislang so sang- und klanglos untergegangen ist (pun intended). Wenige (wenn auch positive) Kritiken, kein Plätzchen auf der KrimiBestenliste der ZEIT. Dabei wären Buch und Autor prädestiniert gewesen für den Krimi-Hype des Jahres, was vor allem mit der Biografie des Debütanten zu tun hat. 17 Jahre war der Neuseeländer jung, als er den 1. Entwurf zu „Stadt der Ertrinkenden“ fertig hatte, 20, als das Buch auf den Markt kam.

Wir Kritiker neigen in solchen Fällen zwar dazu, entweder mit der Lupe nach dem Haar in der Suppe zu suchen (um ein schiefes Bild zu bemühen) oder allzu altväterlich zu sagen: Für sein Alter schon ziemlich gut. Aber, um das schiefe Bild noch etwas weiter zu neigen: Haare sind nicht in dieser Suppe, dafür jede Menge Schießereien und Fensterstürze, Explosionen und Emotionen, harte Kerle und mysteriöse Frauen, coole Sprüche und griffige Metaphern. „Stadt der Ertrinkenden“ ist nicht nur ziemlich, sondern verdammt gut. Und das Alter des Autors spielt dabei so was von keine Rolle.

Wenn man etwas kritisieren könnte, ist es der Hang zu überkandidelten Synonymen und Sprachbildern: „architektonische Ader“ für einen gewöhnlichen Gang ist originell, aber das schlichte Wort Flur hätte es aber auch getan. Und, ganz ehrlich, unter „hungrig aussehenden Stühlen“, die ihre Kiefer recken, kann ich mir auch keine rechte Vorstellung machen.

Aber das sind Petitessen, ansonsten begeistert „Die Stadt der Ertrinkenden“ mit seiner soghaften, schlanken Erzählweise. Alf Mayer hat es in seiner fabulösen Besprechung im Crimemag so ausgedrückt:

Die „Stadt der Ertrinkenden“, das ist ein Noir-Universum – die Filme, die Bücher, die wir kennen und schätzen und lieben, verdichtet zu einem Roman aus dem 21. Jahrhundert, unverstaubt, mit Wissen um die heutige und die damalige Welt, um ihre Schmiermittel.

Hinter jeder Tür lauert eine neue Gefahr

Die Geschichte spielt in einer einzigen Nacht, gegen Ende der Prohibition, in einer namenlosen amerikanischen Stadt. Sie folgt keiner nennenswerten Logik. Dafür aber einem Muster. Je weiter sich der Held, Schnapsschmuggler Fontana, von seinem sichergeglaubten Dasein verabschieden muss, desto bizarrer werden die Menschen, denen er begegnet. Es ist wie in einem Albtraum, der keine Regeln hat. Hinter jeder Tür lauert eine neue Gefahr, eine neue niederschmetternde Erkenntnis. Da wäre der Mann ohne Namen, der wahlweise Der Kommunist oder Der Rote genannt wird, gleichzeitig Idealist und Zyniker. Oder der Franzose, den kaum ein Mensch jemals zu Gesicht bekommen hat, der aber genug Macht und Einfluss besitzt, um jeden zu zerstören. Und natürlich die fatale Frau, Stella Rousseau, die flüchtig wie eine Erinnerung auftaucht und verschwindet. Dazu kommen der Gangster, der aus dem Fenster springt, der Mann/Penner in der Bahn, der Fontanas Innerstes zu kennen scheint, Kaval, der Gangster, der Henry Vaughan zitiert („Er zog den Fluch auf diese Welt und brach ihr Kreuz mit seinem Falle“) und wenig später brutal ermordet wird, sowie ein Dutzend weiterer schräger Halbweltfiguren.

Irgendwann spricht Fontana über den Maler Claude Monet: „Deswegen mögen Leute Monet. Seine Welten sind wirklicher als alles andere, weil wir selbst nie wissen können, wie wirklich etwas ist.“ Denn das ist die eigentliche Idee des Roman: Die Geschichte eines Mannes zu erzählen, der geglaubt hat, dass die Welt nach seinen Regeln spielt. Und der unter Schmerzen lernen muss, dass alle Ordnung nur Illusion ist, dass Willkür und Chaos regieren, statt Willen und Vernunft. Wie man mit dieser Erkenntnis zurechtkommt, davon erzählen die meisten großartigen Schriftsteller. Atkins könnte einer werden. Wird Zeit, dass das hierzulande mal jemand mitbekommt!

PS Herauszustellen sind auch die geschmeidige Übersetzung von Laudan und Szelinski sowie das lehrreiche Nachwort von Alf Mayer.

Rezension von Marcus Müntefering

http://www.krimi-welt.de

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