Krimi-Welt – Große (Krimi-)Kunst tut nun mal weh.

 

 

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Ken Bruens “Kaliber”: Der Killer in uns allen

 

Kann man jemanden hassen, der Jim Thompson liebt und Charles Willeford

und Dashiell Hammett? Der nicht nur Raymond Chandlers Romanen, sondern auch seine

Briefe gelesen und wiedergelesen hat und am liebsten den Klagegesängen von Hank Williams

lauscht. Einen Typ also, der so ist wie so viele von uns, die wir das Noir-Amerika verehren und

preisen und uns danach sehnen?

 

Man kann.

 

Denn von seinen literarischen und musikalischen Vorlieben abgesehen ist Crew ein totales

abgefucktes Arschloch. Und ein Serienkiller, der seine Taten allen Ernstes damit rechtfertigt,

dass die Opfer „nicht höflich“ waren. Ein selbstgerechter Psychopath, der sich in der Tradition

von Peter Finch im Kinoklassiker „Network“ sieht, der seine Wut über all das, was schief läuft

in der Welt (und das ist tatsächlich eine verdammte Menge), nicht mehr in sich hineinfressen

will: „I’m mad as hell and I am not going to take this anymore.“

 

„Kaliber“ ist der sechste Band einer siebenteiligen Reihe, die Ken Bruen zwischen 1998 und

2007 geschrieben hat – und der erste, der, dank des Polar Verlags, auf Deutsch vorliegt. Im

Mittelpunkt dieser Septologie steht Detective Sergeant Tom Brant, ein crooked Cop, gegen

den Harvey Keitel in Abel Ferraras „Bad Lieutenant“ wie ein unschuldiger Knabe aus dem

Kirchenchor wirkt. Während Keitels katholischer Bulle, von Schuldgefühlen geplagt, schließlich

das vermeintlich Richtige tun wird, kennt Brant keine Skrupel, keine Selbstzweifel, keine

Reue. Und seine Kollegen führen sich höchstens einen kleinen Deut besser auf. Wo also ist

der Unterschied zwischen Cop und Killer? Vielleicht liegt er nur darin, dass die Cops es

leichter haben, mit ihren Schweinereien durchzukommen. Weil sie vom System geschützt

werden und weil sie eigentlich kein Anliegen haben, außer sich möglichst mühelos durchs

Leben zu lavieren.

 

Ken Bruens “Kaliber” hält uns allen den Spiegel vor

 

Während der Killer, der unter dem Pseudonym Ford (na klar, nach Lou Ford aus Thompsons

„The Killer Inside Me“) auftritt, eine große, verzehrende Leidenschaft für den Kriminalroman

aufbringt („Wenn ihr wissen wollt, wie die Welt tickt, holt euch Andrew Vachss. Holt euch

James Sallis, da brennen euch die Synapsen durch“), plant Brant, selbst welche zu schreiben

– weil er hofft damit schnelles Geld zu machen. Weil er aber keine Idee hat, außer, dass sie so

ähnlich sein könnten wie die Polizeiromane von Ed McBain (ein wichtiger Referenzpunkt für

Bruens Brant-Reihe), klaut er seine Story von einem anderen Polizisten.

 

„Kaliber“ ist nichts für Freunde von ausgeklügelten Plots, gepflegter Spannung oder

sozialdemokratischer Sozialkritik – sondern ein knallharter Schlag mitten ins Gesicht. Ein

brutales und bösartiges Stück Metafiktion, das uns allen einen Zerrspiegel vorhält. Dass das,

was wir zu sehen bekommen, uns nicht unbedingt gefällt, muss so sein. Große (Krimi-)Kunst

tut nun mal weh.

 

Rezension von Marcus Müntefering

 

www.krimi-welt.de/2015/06/ken-bruens-kaliber-der-killer-in-uns-allen/#more-1641

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