booknerds.de – Denn die Hauptfiguren haben einiges zu bereuen.

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“Die Wut” lautet der Titel von Gene Kerrigans Kriminalroman, wo ihm “Reue” fast besser zu Gesicht stünde. Denn die Hauptfiguren haben einiges zu bereuen. Der Polizist Bob Tidey, dass er aus gelangweilter Kollegialität als Zeuge vor Gericht bloßgestellt und dadurch erpressbar wird, die Nonne Maura Coady, dass sie in aktiven Jahren ihr anvertraute (Waisen)kinder misshandelt hat, und Vincent Naylor, dass er als kriminelles Masterhirn wenig taugt, denn sein Plan einen großen Coup zu landen, geht auf banale wie dramatische Weise schief.


Da er aber kaum Einsicht in sein Handeln besitzt, wird Reue ausbleiben. Stattdessen kommt “Die Wut” (das “The Rage” des Originaltitel trifft es genauer) zum Zuge. Naylor startet einen Amoklauf, dem jeder, den er für sein Scheitern verantwortlich macht, zum Opfer fallen soll. Das summiert sich. Maura Coady gerät ebenfalls in seinen Focus, nachdem ein eilfertiger Journalist durchsickern lässt, dass es die Beobachtungsgabe der gesetzestreuen Maura es gewesen sein könnte, die Vincents Plan vereitelte.

Bob Tidey muss sich derweil mit dem Mord an einem Banker rumschlagen, der mit einer Waffe aus einem früheren, offenen Fall erschossen wurde. Tidey betritt kurz die Welt der Banken, Immobilienspekulanten, Anwälte und Finanzpolitik. Um, unangepasst wie er ist, konsequenterweise auf der Strafbank zu landen. Nur eine Suspendierung, die ihn in den Zwangsurlaub schickt, während auf höheren Ebenen Ermittlungsergebnisse verschachert werden. Akte zu, Immobilienblase geplatzt, Städte wie Dublin architektonisch und strukturell zerstört, aber es wird immer jemand geben, der sich daran eine goldene Nase verdient.

Vincent Naylor nicht, der in einer dieser Bauruinen mit seiner Freundin Michelle lebt, und auf Rache aus ist. Bob Tidey hat Zeit, so bleibt unausweichlich, dass er, Maura und Vincent aufeinandertreffen werden. Auf welche Art der Showdown verläuft, wird bei Bob Tidey für mehr als Kopfschmerzen sorgen. Auch Reue wird wieder zum Thema.

“Die Wut”  ist kein Enthüllungsthriller zum großen Bankenskandal. Die Auswirkungen der geplatzten Finanzträume lugen zwar an den Rändern hervor; Kerrigan zeigt Dublin als eine jener Städte, die durch vergeigte Immobiliengeschäfte zum Friedhof für Bauruinen werden. Doch bleiben die verantwortlichen Geschäftsmänner eine nebulöse Machtkooperative mit genügend Autorität, ganze Polizeiermittlungen entscheidend zu beeinflussen.  Mit solchen Leuten hatten schon Philipp Marlowe und Lew Archer zu schaffen, von Spenser, John  Tanner oder Dave Robicheaux ganz zu schweigen.

Bob Tidey steht ganz in der Tradition dieser Männer, denen – vor allem den Nachgeborenen – Gerechtigkeit wichtiger ist, als das Befolgen von Regeln und Gesetzen. Tidey bleibt etwas blasser, besitzt weit weniger Eigeninitiative und ist zähneknirschend durchaus bereit, sich faulen Kompromissen zu beugen. Er übt sich in erzwungener Gelassenheit. So lange es nicht seine persönlichen, emotionalen Belange betrifft. In diesem Fall ist er schnell bereit Grenzen zu überschreiten.
Das ist geschickt von Kerrigan in Szene gesetzt. Überhöht es doch Tidey und seinen Beamtenstatus nicht, sondern zeigt ihn als ein widerspenstiges Rädchen in einer maroden Maschinerie. Das Einzige, was ihm ein wenig Macht verleiht, sind seine (halb)kriminellen Kontakte.

Vincent Naylor hingegen ist  jemand, dessen Ahnen sich  im amerikanischen Film noir finden lassen. Er ist ein “Made it, Ma! Top of the world “-Springteufel wie weiland James Cagney in “White Heat” (“Sprung in den Tod”). Mit enger Familienbindung, aber ohne dessen Mutterfixierung.  Die versöhnliche Zuneigung zu seinem älteren Bruder Noel und seiner Geliebten Michelle hindern ihn nicht daran, zum Berserker zu werden, für den es keine Umkehr gibt.

Die modernste Figur ist die Nonne Maura Coadey, die an ihrer Vergangenheit im Dienste der katholischen Kirche  leidet und in der Gegenwart versucht, das moralisch Richtige zu tun.

Drei Charaktere, die Risiken eingehen, deren Konsequenzen sie nicht abschätzen können oder wollen. Zumindest zwei beschreiten Wege, die eher ins Dunkel führen als ins Licht. Kerrigan schildert eindringlich wie leicht es ist, sich selbst und andere zugrunde zu richten. Quer durch sämtliche Gesellschaftsschichten.

In Gene Kerrigans nüchternem, fast dokumentarischem Stil schimmert der gelernte Journalist durch. Was gelegentlich zu Redundanzen führt. An früher Stelle schildert Kerrigan eine Pressekonferenz der Polizei, während der – in der deutschen Übersetzung – über ein halbes Dutzend Mal auf anderthalb Seiten das Wort “Schmierfink” vorkommt. Der Leser hat schon nach der ersten Erwähnung kapiert, dass Polizei und Presse kein freundliches Bündnis fürs Leben eingehen werden.    Im ersten Drittel versteigt sich Kerrigan bisweilen bei Nebensächlichkeiten in allzu ausführliche Erläuterungen, während er bei den großen gesellschafts- und finanzpolitischen Hintergründen nebulös bleibt (wie genau platzt die ‘Immobilienblase’ in Irland? Wie setzt sich der ominöse Zirkel zusammen, der Ermittlungen abschließend eliminieren kann u.ä.).

Mit seinem Berufsstand springt der Autor nicht eben freundlich um, eine der unsympathischsten Figuren des Romans ist der dienstbeflissene Journalist Anthony Prendergast (“ein kleiner Typ im Anzug und mit hypergegeltem Haar”), dem die Auswirkungen seiner Stories egal sind – so lange bis er ihnen selbst zum Opfer fällt.  Erreicht nicht ganz die Perfidie von Kirk Douglas in Billy Wilders “Reporter des Satans”, der es auf den Tod eines in einer Höhle Eingeschlossenen ankommen lässt, um eine gute Schlagzeile zu bekommen. Aber er ist auf dem besten Wege dorthin. Besser: Er wäre es…

“Die Wut” ist ein spannender und konsequenter Roman über eine Handvoll Menschen ist, die den Boden unter den Füßen verlieren und über die Auswirkungen, die dies für sie und ihre Umwelt hat.

Über kleinere (stilistische) Schwächen lässt sich bei dieser verdienstvollen Veröffentlichung des noch jungen Polar-Verlags leicht hinwegsehen. Schön, dass solche, nicht ganz perfekte, aber belangreiche und düster-glimmende Kleinode in Deutschland publiziert werden.


Rezension von Jochen König

auf http://www.booknerds.de/2014/11/gene-kerrigan-die-wut-buch/

 

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