Der Freitag – Blaue Noten in Prag

 

1968 In Bill Moodys Roman „Der Spion, der Jazz spielte“ wird in der ČSSR ein harmloser Schlagzeuger wider Willen vom CIA rekrutiert – Cary Grant lässt grüßen

Ein guter Titel ist die halbe Miete. Das mag sich auch Bill Moody gedacht haben, als er für seinen Einstand im Spionagegenre auf ein cleveres Wortspiel verfiel. „Czechmate: The Spy Who Played Jazz“ sollte das Buch heißen, was einerseits den historischen Hintergrund des Romans berücksichtigte und andererseits als ironische Hommage an den einen oder anderen Klassiker der Literatur des Kalten Krieges verstanden werden konnte. Dass Ian Flemings The Spy Who Loved Me (1962) selbst unter 007-Verehrern als eines der schwächsten Abenteuer des Superagenten gilt, hätten abergläubische Gemüter vielleicht als schlechtes Omen gedeutet. Das spannungsliterarische Debüt des renommierten Jazz-Schlagzeugers und studierten Literaturwissenschaftlers wurde vom Pech verfolgt. Eigentlich sollte das Buch bereits 1987 erscheinen, doch dann brannte das Verlagsgebäude ab. Weitere Publikationsversuche blieben erfolglos. Erst ein Vierteljahrhundert später -– Bill Moody hatte sich inzwischen mit seiner Reihe um den Jazzpianisten und Amateurdetektiv Evan Horner als Krimiautor etabliert – konnte die Spionagestory erscheinen. Allerdings ist der Titel des Romans, der nun auf Deutsch im Polar Verlag vorliegt, ebenso hübsch formuliert wie irreführend. Es geht nämlich nicht um einen „Spion, der Jazz spielte“, sondern im Gegenteil um einen Jazzmusiker, der höchst unfreiwillig in geheimdienstliche Machenschaften verwickelt wird.

Der amerikanische Schlagzeuger Gene Williams hat so gar nichts von einem James Bond. Gewalt liegt ihm nicht. Und von Martinis, egal, ob gerührt oder geschüttelt, hält er sich tunlichst fern, denn selbst geringe Mengen Alkohol zeigen bei ihm verheerende Wirkung. Dass der CIA auf den jungen Mann aufmerksam wird, verdankt er ausschließlich seiner Einladung zu einem Jazzfestival in Prag.

Wir befinden uns im August 1968. Die tschechoslowakische KP unter Führung des charismatischen Alexander Dubček wagt das Experiment eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, welches in wenigen Tagen durch den Einmarsch von Truppen des Warschauer Paktes unter Führung der Sowjetunion gewaltsam beendet werden wird. Noch sind die Pläne streng geheim. Weder Dubček noch seine Verbündeten ahnen, was ihrem Land bevorsteht. Auch die westlichen Geheimdienste sind eher schlecht informiert. Der CIA hat einen Mann in Prag, doch dieser verlangt nach einem sicheren Kontakt, bevor er seine Kenntnisse über den Zeitpunkt der Militärintervention weitergibt. So kommt Williams ins Spiel, ein ahnungsloser Amateur.

Der unsichtbare Dritte

Nicht einmal das Hauptquartier in Langley, davon ist CIA-Veteran Allan Curtis überzeugt, könnte sich eine bessere Tarnung ausdenken. Doch der junge Mann zeigt sich unwillig. Weder Geld noch gute Worte können ihm die geheime Nebentätigkeit schmackhaft machen. Also greift man zu den bewährten Mitteln der Täuschung und Erpressung, die sich auch hier als wirksam erweisen. Williams tut, was man ihm sagt, und zeigt sich sogar recht anstellig, wenn es darum geht, Botschaften zu verschlüsseln. Als jedoch sein Kontaktmann in Prag ermordet wird, wird die Lage für den Amateuragenten lebensbedrohlich. Ein Ausstieg scheint nicht mehr möglich, obwohl der Spion wider Willen inzwischen weiß, dass man ihn hereingelegt hat. Also macht er auf eigene Faust weiter, nicht zuletzt motiviert durch die attraktive Enkelin des Ermordeten, und entwickelt dabei Fähigkeiten, die ihn durchaus für eine Agentenkarriere qualifizieren würden. Ändern kann er den historischen Verlauf der Dinge selbstredend nicht. Und ob für ihn ein persönliches Happy End herausspringt, belässt der Autor wohlweislich im Dunkeln.

Bill Moody (Jahrgang 1941) hat selbst, wie man Alf Mayers informativem Nachwort zur deutschen Ausgabe entnehmen kann, während des Prager Frühlings in der Tschechoslowakei gelebt und ist mit einheimischen Jazzmusikern aufgetreten. Es sind also nicht zuletzt seine persönlichen Erfahrungen, die in diesem, mit viel Liebe zum Sujet verfassten Spionageroman verarbeitet sind. Das mag auch ein Grund dafür sein, dass die Szenen, in denen Williams als Jazzmusiker auftritt, zu den überzeugendsten des Romans gehören, zumal sie für einen positiven Kontrast zur vom Kalkül bestimmten Geheimdienstwelt sorgen. So wirkt Der Spion, der Jazz spielte, seinem ernsten Thema zum Trotz, gelegentlich fast anheimelnd romantisch. Gene Williams ist die Sorte unfreiwilliger Held, wie sie ein Cary Grant auf perfekte Weise in Hitchcocks Der unsichtbare Dritte verkörperte. Zynismus ist ihm fremd. Wer die kalten Großmeister des Genres schätzt, mag das für ein Manko halten. Dem Lesevergnügen tut es keinen Abbruch. Und das liegt eindeutig am Jazz.

Rezension von Joachim Feldmann

https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/blaue-noten-in-prag

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