CULTurMAG – „In Dublin ist die Hölle los“

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In Dublin ist die Hölle los

– Erst reißen durchgeknallte irische Bankster das Land in eine Finanz-und Wirtschaftskrise, dann drehen auch die kleinen Ganoven durch, die den großen Coup landen wollen: In seinem fulminanten Krimi „Die Wut“ zeigt Gene Kerrigan, wie sich zwei kriminelle Sektoren überlappen …. Von Peter Münder

Die Arroganz der Macht entlarvt sich ja meistens in Phrasen wie „Wissen Sie überhaupt, wer ich bin? Wissen Sie, was passieren wird?“ Das war schon so in Ken Bruens wunderbarem Galway-Krimi „Jack Taylor fliegt raus“, als der alkoholaffine Jack Taylor (mehr bei CM) noch als Polizist ein hohes Regierungstier wegen Speeding anhielt und dem blasierten Bürokraten mit der Replik „Ich weiß genau, was passieren wird“ ihm seine Faust in die Fresse donnerte – was allerdings auch die letzte Amtshandlung war, bevor er dann umsattelte und Privatdetektiv wurde. Sein „Büro“ wurde die einzige Kneipe am Ort, in der er noch kein Hausverbot hatte.

Auch der Dubliner Journalist und „Irish Independent“-Kolumnist Gene Kerrigan, 1985 und 1990 als „Journalist of the Year“ ausgezeichnet, beschreibt diese bornierte „Wir hier oben- ihr da unten-Arroganz“. Er kombiniert sie allerdings mit den extremen Turbulenzen und Auswirkungen der Bankenkrise und Immobilienblase, woraus dann ein besonders brisantes Gemisch wird. Erst wird der millionenschwere Banker Emmett Sweetman erschossen, dann überfällt der auf Ballermann getrimmte Kleinkriminelle Vincent Naylor, der gerade acht Monate im Knast abgesessen hat, mit seinen Kumpels einen Geldtransporter und mittendrin steht der ruhende Pol in diesem anarchistischen Chaos Detective Sergeant Bob Tidey. Er will einer verängstigten ehemaligen Nonne helfen, die verdächtige Typen beim Deponieren von Fluchtfahrzeugen beobachtet hat. Tidey ermittelt im Ganoven- Milieu und entdeckt über eine gefundene Waffe Verbindungen zwischen dem Bankster und einem Auftragskiller. Wurde der Spekulant Sweetman wegen seiner gigantischen illegalen Offshore-Konten erpresst und umgelegt, als er andere Beteiligte verpfeifen wollte?

Irish Noir

Kerrigan gelingt es, den Plot seines „Irish Noir“- Krimi vor dem Hintergrund des großen Banken- und Immobilien-Crash spannend und rasant mit realistischen Figuren ablaufen zu lassen. Sein Kommissar Tidey bewegt sich auch gelegentlich in moralischen Grauzonen, weil er lieber mit fragwürdigen Mitteln die große Gier der Bad Boys bekämpft, als die kleinen Kriminellen mit Hilfe kleinkarierter Paragraphen zur Strecke zu bringen. Tidey ist ein großartiger Pragmatiker der alten Schule, der Chandler wahrscheinlich heimlich im Schulunterricht gelesen hat: Jedenfalls hat er mit Karriere-Schleimern genauso wenig am Hut hat wie mit korrupten Politikern und Rechtsverdrehern, die für jeden lukrativen Deal zu haben sind.

Die große irische Gier hat Kerrigan in seinen Kolumnen und Sachbüchern während des Kollapses des irischen Finanzmarkts beschrieben und die Verdummungsstrategien der Politik und Banker scharf kritisiert. Auch auf die jetzt anrollende Verharmlosungswelle nach dem Motto: „Wir Iren haben alles im Griff und es geht mit dem wirtschaftlichen Aufschwung rapide voran“ sollten wir nicht hereinfallen. Die meisten Iren müssen sich mit fast 25% Lohneinbußen abfinden, weil das Network aus Wirtschaft und Politik die Finanz-Machenschaften der Banken mit Milliarden-krediten aus Brüssel abfederte, die von der Bevölkerung noch jahrelang zu tragen sind.

Look Back in Anger: Zustände wie im Tollhaus

Als der amerikanische Wirtschafts- und Börsen-Journalist Michael Lewis („Boomerang“) (mehr bei CM) durch alle vom Banken-Crash betroffenen europäischen Länder reiste, um sich ein Bild vom allgemeinen Finanz-Chaos und dessen Ursachen zu machen, hatte er neben den Hauptübeltätern Griechenland, Spanien und Italien auch Irland besucht. Und die grüne Insel toppte alles, was er bis dahin an skrupellosen Betrügereien und Lügen gesehen hatte: Das Kreditgebaren der Banken war völlig irre, das jahrelange Verdrängen der massiven Krisen war unglaublich dreist. Aber die lammfromme masochistische Natur der Iren, die sich mit diesen milliardenschweren Betrugsmanövern abgefunden hatten, verblüffte ihn am meisten.

Die kleine Insel mit 4,3 Millionen Einwohnern, auf der die für das Chaos verantwortliche Anglo Irish Bank nur acht Filialen hatte, war völlig pleite und hatte aufgrund der Zockerei von insgesamt drei Banken rund dreihundert Milliarden Euro Schulden, wofür die irischen Steuerzahler aufkommen sollten? Der betrunkene Finanzminister Cowen hatte übrigens, wie Lewis in seinem Buch berichtet, nach dem Genuss etlicher Pints Guinness aus einem Pub ein Fax nach Brüssel geschickt, in dem er für die Übernahme und Rückzahlung von Krediten in Höhe von 440 Milliarden Euro garantierte. Und das wurde auch so akzeptiert. Ging´s noch?

Die schlimmsten Bankster und Politiker mit ihren Cayman-Offshore-Konten kamen alle davon, weil sie zum Kreis der Untouchables im Network eines Zirkels von Politik, Kirche und Finanzwelt operieren konnten – ähnlich wie bei der Mafia. Dass angesichts dieser Tollhaus-Szenerie dann doch einige Typen durchdrehten, ist leicht nachvollziehbar. Und wie Kerrigan dann ihren aus dem Ruder laufenden Frust und die entfesselte Gewaltspirale beschreibt, das ist einfach ein furioser, gelungener Mix aus Noir-Thriller und Sozialreportage. Bei ihm köchelt in fast jedem Satz (auch wenn das in der eher suboptimalen deutschen Übersetzung nicht so ganz rüberkommt) auch die Wut und Empörung über die Gangster im weißen Kragen mit. Kein Wunder, dass Kerrigan 2012 für „Rage“ mit dem Golden Dagger Award ausgezeichnet wurde!

Peter Münder

Gene Kerrigan: Die Wut (Rage, 2011). Deutsch von Antje Maria Greisiger. Hamburg: Polar Verlag 2014. 292 Seiten. 14, 90 Euro.


http://culturmag.de/rubriken/buecher/gene-kerrigan-die-wut/83133

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