CulturMag – Das große Dubliner Schlachten

 

Nach Gene Kerrigans Noir-Krimi „Die Wut“ erscheint jetzt der bereits 2009 veröffentlichte Band „Dark Times in the City“ in deutscher Übersetzung als „In der Sackgasse“. Kerrigan beschreibt die permanente Ausweitung der Kampfzone Dublin nach dem großen Banken- und Finanz-Crash: Rivalisierende Gangs wollen höhere Renditen einfahren, mehr Marktanteile auf allen Sektoren der OK erobern- so wird der Bandenkrieg immer brutaler und letaler. Von Peter Münder

Kleiner Exkurs zur aktuellen, „sauberen“ Business-Kriminalität dieser Tage, die Kerrigan beim Schreiben im Hinterkopf hat: Ein milliardenschwerer Medien-Tycoon bekommt von der Staatsbank einen Millionen- Kredit zu extrem günstigen Konditionen, doch als im Parlament über diesen dubiosen Deal debattiert wird, darf die Presse darüber nicht berichten: Das passierte keineswegs in einer Bananenrepublik, sondern in diesem Sommer in Dublin, als der Medien-Mogul Denis O’Brien dem Parlament und den Medien einen Maulkorb verpassen und mit einer Unterlassungsklage gegen die Berichterstattung (wegen Verletzung der Privatsphäre) vorgehen wollte.

Diese Zensurversuche des offiziell in der Steueroase Malta residierenden O’Brien wurden dem Dubliner High Court dann jedoch zu bunt – man sah darin einen Angriff auf die Grundpfeiler der Demokratie und schmetterte seine Anträge ab. O’Brien stellte sich danach als Opfer einer Hetzkampagne dar und kündigte juristische Schritte gegen das Parlament und den irischen Staat an. „Warum nur setzt er immer wieder diese juristischen Drohkulissen in Bewegung?“ wunderte sich der Guardian daraufhin in einem Bericht über den umstrittenen Tycoon, der schon mit siebzehn Klagen gegen Journalisten vorging. Ja, warum nur ? Wohl auch deswegen, weil es noch kritische Journalisten wie Kerrigan gibt, die in ihren Kolumnen und Enthüllungsstorys auf diese aberwitzigen, unglaublichen Exzesse von Gier, Egomanie und fehlendem Unrechtsbewusstsein hinweisen und dafür sorgen, dass die dumpfbackige Mentalität der meisten Iren, lammfromm die geballte Inkompetenz eines verfilzten Systems zu tolerieren, durchgeschüttelt und wachgerüttelt wird.

Denn wie kann es sein, dass man auf der grünen Insel nach dem Crash der Anglo Irish Bank – der „miesesten Bank der Welt“ wie der US-Finanzexperte Michael Lewis in „Boomerang“ schrieb – und dem Platzen der Immobilienblase, die mit einem EU-Rettungsschirm von über 300 Milliarden Euro (für ein Land mit vier Millionen Einwohnern!) notdürftig abgefedert werden konnte, die Dubliner Wirtschaftspolitik sich immer noch darauf kapriziert, als attraktive „Double Irish“-Steuerschlupf-Oase für Microsoft, Google und jetzt auch für die gigantische Viagra-Botox Fusion der Pharma-Konzerne Pfizer (Viagra-Hersteller) und Allergan (Botox) Milliarden legal am Fiskus vorbeizuschleusen?

All diesen tolldreisten Skandalen versuchten etliche Autoren zwar in umfangreichen Analysen auf die Spur zu kommen (Vgl. Shane Ross/Nick Webb: „The Untouchables – The people who helped wreck Ireland – and are still running the show“, sowie Matt Cooper: How Ireland really went bust); aber solange das Guinness noch munter sprudelt, scheint sich der gutmütige Ire über die verfilzten Old Boys- Netzwerke nicht allzu sehr aufzuregen, auch wenn er jetzt über 25 Prozent weniger Einkommen verfügt als vor dem Banken- Crash. Fast andächtig und voller Ehrfurcht vor diesem „Master of the Universe“ berichtet die Boulevardpresse währenddessen über die Auslieferung des neuen, über 50 Millionen teuren Gulfstream-Privatjets von Überflieger O’Brien.

Für den mit dem Gold Dagger Award ausgezeichneten Krimi-Autor, „Sunday Independent“-Kolumnisten und „Journalist of the Year (1985 und 1990) Gene Kerrigan ist dieses ökonomische Hintergrund- Szenario von Gier, Größenwahn und dem Kampf um Maximalrenditen von entscheidender Bedeutung: Auch Kleinkriminelle und auf organisierte Kriminalität spezialisierte Gangs operieren nach der Bankster- Maxime „Expandieren oder Untergehen“. Angestachelt von einer enormen Wut über perverse gesellschaftspolitische Verhältnisse, greifen sie auch zum Seziermesser, um sich vom großen Kuchen ebenfalls ein hübsches Stück rausschneiden.

In „Die Wut“ ging es noch um die Versuche von Ex-Knackis und Kleinkriminellen, mit einem Überfall auf einen Geldtransporter endlich irritierende Liquiditätsengpässe zu überbrücken. Kerrigans souveräner, bodenständiger und gegenüber engstirnigem Bürokraten-Terror allergische Detective Sergeant Bob Tidey stösst während seiner Ermittlungen in diesem Fall dann auf den undurchsichtigen Exitus eines raffgierigen, betrügerischen Immobilienhais, der offenbar mit etablierten Establishment-Größen krumme Steuerspar-Deals ausgekungelt hatte und vor einem Deal mit dem Finanzamt liquidiert wurde. Tidey ermittelt auch trotz der Indifferenz oberer Etagen nach seiner Suspendierung weiter, weil ihn die Maxime dieser Gangster im weißen Kragen „Wie bescheiße ich am besten“ einfach ankotzt.

„In der Sackgasse“ ist nun eher eine Art Vorstudie zu diesem „Wut“-Panorama: Auftakt mit einer grotesken Ballermann-Szene im „Blue Parrot“-Pub, in dem ein Polizeispitzel von zwei bewaffneten Typen umgenietet werden soll. Doch bevor der Informant umgelegt werden kann, funkt der gerade aus dem Knast entlassene Danny Callaghan dazwischen, was den Auftraggeber, den Gangster Lar Marcendirck, veranlaßt, seine Leute auf Callaghan zu hetzen, der sich bald im Kreuzfeuer von zwei verfeindeten Gangs sieht. Marcendirck sondiert seine Claims, er will unbedingt weiter expandieren und monopolistischer Marktführer im Drogen-Geldwäsche-Erpressungs-Geschäft werden. Seinen Rivalen Frank Tucker will er mit einem lächerlichen Übernahme-Angebot ausschalten. Als Tucker zum Schein auf das Angebot eingeht, aber heimlich ein Killer-Kommando anheuert, beginnt das große Schlachten.

Kerrigan hat den Plot mit weit mehr Figuren als in „Wut“ und viel verästelter angelegt; die Psychogramme der Gangster sind luzide und absolut überzeugend, die Dialoge drastisch-rasant . Diese Dublin-Noir-Variante ist zwar auch spannend, doch Kerrigan dreht so hektisch an der Eskalationsschraube, als wollte er mit der Darstellung seines Dubliner Infernos die Leichenberge der mexikanischen Don Winslow-Szenerie aus dem „Kartell“ noch höher stapeln. Größtes Manko ist vielleicht der Verzicht auf seinen wunderbaren „Wut“-Protagonisten Tidey, der hier nur als Statist auftritt. Denn dieser skeptisch-pragmatische Detective hat das Zeug zur idealen Identifikationsfigur. Aus dem verordneten Vorgesetztenerlass des Vertuschens brisanter Korruptionsfälle klinkt er sich einfach aus und ermittelt – wie weiland Philip Marlowe – auf eigene Faust weiter, auch in heiklen Grenzbereichen. Jetzt zeigt Kerrigan ein Konfrontations-Szenario, in dem früher oder später jeder auf der Strecke bleibt. Ziemlich genial ist allerdings Kerrigans Einfall, den Obergangster Marcendirck bei seinem Vernichtungsfeldzug als Sunzi- Strategen zu zeigen: Denn die Weisheiten des chinesischen Kriegsstrategen („Die Kunst des Krieges“) hält dieser irische Schlächter für eine ideale Blaupause, die er beim Erobern neuer Marktsegmente der Dubliner Unterwelt nur genau zu befolgen braucht: „Jede Kriegführung beruht auf Täuschung. Wenn wir zum Angriff bereit sind, müssen wir dazu unfähig erscheinen; wenn wir unsere Truppen in Marsch gesetzt haben, muss der Feind uns zu Hause vermuten; wenn wir nah sind, muss der Feind glauben, wir wären fern, wir wären nah … Locke den Feind mit einem Köder. Täusche Unordnung vor, und dann vernichte ihn“. Das alles nicht so klappt im Feldzug des Dubliner Gangsters liegt ja vielleicht auch daran, dass das geballte Chaos um ihn herum gar nicht mehr vorgetäuscht werden kann?

Rezension von Peter Münder

http://culturmag.de/rubriken/buecher/gene-kerrigan-sackgasse/90593

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