CrimiMag – Befreiungsschlag mit Kollateralschäden

Larry hat seine große Liebe verloren und versucht seit Jahren, sich mit Job, Frau und Kind davon abzulenken. Als er in die Arbeitslosigkeit abrutscht und seine neue Familie es nicht mehr mit ihm aushält, marschiert er mit einer selbstgebastelte Bombenattrappe zum Vorstellungsgespräch und geigt seinen Vorgesetzten in spe mal so richtig die Meinung. Danach überschlagen sich die Ereignisse: Larry testet die Wirkung seines neuen Spielzeug in der nächstbesten Bank, die aber genau zu diesem Zeitpunkt von Lu und ihrer Bande überfallen wird. Er nimmt die junge Frau aus Mangel an Alternativen als Geisel, sackt die Kohle ein und verschwindet mit ihr im Fluchtwagen Richtung Horizont.

Dieses schmale Büchlein erzählt die Geschichte eines Mannes, dessen innerer Kompass zum Rotorblatt wird. Der von den Mechanismen eines erbarmungslosen Marktes in die Ecke gedrängt und von seinen Gefühlen erdrückt wird, der versucht, sich mit einer Verzweiflungstat von materieller und emotionaler Armut zu befreien. Es erzählt aber auch von einer Frau, die nie eine Chance auf Normalität hatte, die ihr unstetes Leben bereitwillig gegen ein Spießerdasein eintauschen würde, die sich nichts sehnlicher wünscht als das, was ihr Entführer wider Willen gerade in Begriff ist wegzuwerfen. Aber welcher Weg führt zum Glück?

„Der Mann mit der Bombe“ von Christian Roux provoziert seit Erscheinen Bonnie und Clyde Vergleiche – dabei erinnert sein duo infernale eher an das Filmpärchen Marianne Renoir und Ferdinand Griffon aus Godards „Elf Uhr nachts“. Denn das Buch ist weder sexuell aufgeladene Gewaltorgie, noch romantisch verklärter Outlaw-Mythos, sondern ein geradliniger, wenn auch träge Richtung Showdown taumelnder, melancholisch-verträumter, aber die soziale Realität entlarvender Noir französischer Schule. Und die Lektüre dieses Krimi-Konzentrats fühlt sich an wie der Moment, in dem Larry den Auslöser drückt: Wenn man bemerkt, dass der große Knall ausbleibt, ist im Kopf schon längst etwas explodiert.

 

Rezension von Alexander Roth

http://culturmag.de/rubriken/buecher/bloody-chops-mai-2016/93235

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