Crimenoir – 7 von 10 Punkten für „Stadt der Ertrinkenden“

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Alf Mayer schwärmt auf crimemag von Ben Atkins Debütroman “Stadt der Ertrinkenden” ebenso wie Nicole auf mycrietime. “Willkommen am Tresen des Noir”, formuliert es Alf Mayer wunderschön, aber das ist genau der Punkt, wo es bei mir ein wenig hakt. Für mich ist “Stadt der Ertrinkenden” ein gelungener, stimmungsvoller Krimi. Doch aus meiner Sicht ist das Buch, das in der Prohibitionszeit der USA spielt, kein Noir – zumindest seine Hauptfigur nicht. Dazu ist mir Ich-Erzähler Fontana zu wenig gebrochen, zu korrekt, zu brav, zu anständig.

Vor allem Fontanas Weigerung, Waffen zu tragen und zu verwenden, kam mir ein wenig an den Haaren herbeigezogen vor. “Sie hielten mich für schrullig, weil ich keine Kanonen mochte. Sie waren naiv. Zu dumm, um den Frevel des Tötens wirklich zu erfassen”, sinniert Fontana einmal. “Ein vorzeitiger Tod ist, mehr als alles andere, ein unwiderruflicher Verlust von Möglichkeit.” Grundsätzlich finde ich das schon in Ordnung, einen gewaltfreien Weg in einer gewalttätigen Welt gehen zu wollen. Aber sogar bewusst in lebensbedrohliche Situationen nicht einmal ein Messer (das aus praktischen Gründen benötigt wird – mehr will ich nicht verraten) mitzunehmen, grenzt dann schon eher an Dummheit. Ich weiß nicht, ob so hehre Gedanken (Der Tod als unwiderruflicher Verlust von Möglichkeit) in einer gefährlichen Situation, in der man sterben könnte, nicht ein unleistbarer Luxus ist. Besser ich lebe und der andere verliert seine Möglichkeit unwiderruflich.

Damit jetzt kein falscher Eindruck entsteht: Mir hat “Stadt der Ertrinkenden” wirklich gut gefallen. Da ist eine neue Stimme, noch dazu aus Neuseeland. Und Atkins schreibt großteils so, als wäre er in den USA aufgewachsen und keine 20 Jahre alt. Wobei ich glaube, die Anhäufung seiner sentimentalen Formulierungen, die gegen Ende hin stark zunimmt, ist schon auch auf sein junges Alter zurückzuführen. “Wenn ein Menschenleben endet, bevor es sollte, ist das ein Verlust für die Gegenwart und für jeden einzelnen Tag, der noch kommt” – ja eh, aber was will er damit eigentlich genau sagen? Ich hatte beim Lesen das Gefühl, wäre Atkins ein paar Jahre älter, wäre sein Buch kompromissloser, weniger moralisierend und noch düsterer geworden. Vielleicht hat ihm da doch ein wenig der Mut gefehlt – was ich ihm allerdings gar nicht vorwerfen will. Denn Atkins schreibt sehr erfrischend.

Für Geld machen Menschen dumme Sachen. Sie und ich sind Belege dafür.

Wohl wahr. Atmende, nervöse Belege.

Da gibt es auch diese wunderbar minimalistischen Beschreibungen: “Ich hatte Schiss unter meinem schwarzen Anzug, hinter meinem ausdruckslosen Gesicht.” Oder: “Die Frau an der Kasse trug fünfzig Jahre Enttäuschung im Gesicht und darüber ein halbes Pfund billiges Make-Up.” Diese Vergleiche: “Lebe nach den Regeln, und du wirst für den Rest deines Lebens ein Opfer sein.”Diese kleinen Wahrheiten: “Komisch, dass wir hungrigen Vögeln eher Brot gaben als hungrigen Menschen.”

Außergewöhnlich an “Stadt der Ertrinkenden” ist auch, dass die Handlung in einer einzigen Nacht spielt. Ich würde dieses Buch jedem empfehlen. Bloß bin ich nicht sooo begeistert. Der Vergleich mit Dashiell Hammett ist unnötig und verfrüht, aber wenn Atkins dadurch Leser gewinnt, ist es mir auch recht. Gratulation jedenfalls an den Polar Verlag, der hier wieder einmal ein feines Händchen bewiesen hat. Aus diesem Verlagshaus kommt Qualität, das steht fest.

7 von 10 Punkten

Rezension von Peter Huber

https://crimenoir.wordpress.com/2015/04/07/ben-atkins-stadt-der-ertrinkenden/

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