Booknerds – … ein meisterliches Werk

„Der Mann mit der Bombe“ ist bereits der siebte Roman des französischen Autors Christian Roux. Und der erste, der in deutscher Übersetzung vorliegt. Höchst bedauerlich, denn das gerade einmal hundertvierzig Seiten umfassende Buch ist ein meisterliches Werk. Doch französische Autoren,  wenn sie nicht Fred Vargas, Georges Simenon oder in kleinerem Rahmen Dominique Manotti, haben es schwer in Deutschland.

Insbesondere, wenn ihre Werke im Noir-/Neo-Polar-Umfeld angesiedelt sind. So bekommen Jean Patrick Manchette, Didier Daeninckx oder Jean Amila zwar viel Kritikerlob, doch die Verkaufszahlen sind bescheiden.
Wäre sehr schade, wenn Roux ein ähnliches Schicksal beschieden wäre. „Der Mann mit der Bombe“ ist stilistisch ein Genuss, bündig, präzise und poetisch verfolgt Roux die Geschichte seines Protagonisten Larry. Der ist Toningenieur, seit kurzem arbeitslos und kaum mehr in der Lage, den Lebensunterhalt für sich, seine Frau Sophie und die gemeinsame Tochter Laureline aufzubringen. Nach zahlreichen frustrierenden und erfolglosen Versuchen Arbeit zu bekommen, bastelt Larry sich eine Bombenattrappe und   setzt sie verzweifelt und wütend bei einem Bewerbungsgespräch ein. Was zwar für Chaos und Verzweiflung sorgt, aber wenig hilfreich ist.

Da sind Sophie und Laureline schon weg, Larry beschließt keine potentiellen Arbeitgeber mehr  zu verschrecken, sondern direkt an die Quelle des Geldes zu gehen: Er überfällt eine Bank. Versucht es zumindest, denn unerwartet platzt er in einen anderen Überfall. Chaos bricht aus, bewaffnete Bankräuber, ein Mann mit Bombe, die Situation eskaliert und ehe er sich versieht, ist Larry mit einer Geisel im Schlepptau unterwegs. Oder ist er selbst die Geisel?  

Lu, die junge Frau mit den roten Haaren, gehört zu den Gangstern, die Larry aufgeschreckt hat. Sie arrangiert sich erstaunlich schnell mit der Situation, es dauert nicht lang, dann agieren Larry und Lu auf Augenhöhe. Larry erinnert die junge Frau an seine große Liebe Marie-Line, die starb, bevor er mit Sophie eine bürgerliche Zweckgemeinschaft gründete. Die gleichzeitig zutiefst verunsicherte und straßenharte Lu sieht in Larry einen Fels in der Brandung, die sich Leben nennt.  Zwei wunde Menschen treffen sich und Christian Roux entwickelt daraus eine Amour fou, voller verkapselter Zärtlichkeit, überbordenden Erinnerungen und der verzweifelten Suche nach Geborgenheit.

Lu und Larry begeben sich auf einen Road-Trip durch Frankreich, der mit Banküberfällen und gewalttätigen Konfrontationen gepflastert ist. Schnell werden sie zum meistverfolgten Paar seit Bonnie & Clyde, der Weg in die Katastrophe scheint unausweichlich.   

Im Original erschien der Roman 2012, lange vor den Terroranschlägen in Paris und Brüssel. In einem Interview sagte Christian Roux, dass er das Buch zum heutigen Zeitpunkt nicht mehr geschrieben hätte. Nachvollziehbar, wäre dennoch bedauerlich. Denn Larry ist kein Terrorist, er will niemand seine Überzeugung aufoktroyieren, sondern sucht verzweifelt nach einer Möglichkeit, ein bürgerliches Leben finanzieren zu können. Und katapultiert sich in einer Mischung aus Verzweiflung und Frustration  hinaus in die Gesetzlosigkeit.

Roux beschreibt ein desolates Frankreich, voller alltäglichem Rassismus, Gleichgültigkeit und am Rande des wirtschaftlichen Kollapses. Die Front Nationale kommt im Roman nicht vor, wohl aber der Nährboden, auf dem der Le Pensche Ungeist gedeihen kann. Ohne zum Pamphlet zu werden. Davor schützt schon die Spur der Verwüstung, die Lu und Larry auf ihrem Weg Richtung konsequentem Finale hinterlassen.
Roux vermeidet überflüssigen Ballast, gekonnt verbindet er eine melancholische, trauerumflorte Romanze mit  Gewalteruptionen, galligem Witz, Aktionsreichtum und hintergründiger Gesellschaftskritik zu einem rasanten, stimmigen  Néo-Polar von hoher Aktualität.

Die Straßen nahmen kein Ende, in der Luft hing der Geruch von geschmolzenem Teer. Vor ihm befand sich eine Bank, dort drinnen war es bestimmt schön kühl. Er erinnerte sich nicht mehr, es war zu lange her, dass er zuletzt eine Bank betreten hatte…
Nein, morgen würde nicht wie heute sein.
Morgen gab es nicht.

Und das ist erst der Anfang.

 

Rezension von Jochen König

http://www.booknerds.de/2016/05/christian-roux-der-mann-mit-der-bombe-buch/

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