Bayern 2-Favoriten – Spionageroman im kalten Krieg

 

Brauchen wir eigentlich noch einen Spionageroman über den Kalten Krieg, nach Klassikern des Genres von Ian Fleming, Len Deighton oder John le Carré? Allemal, wenn sie so gut recherchiert sind, einen bis zur letzten Seite fesseln und packende Figuren aufweisen wie Bill Moodys "Spion, der Jazz spielte". Und sind da nicht längst sämtliche Facetten erschöpfend durchgespielt mit Verrätern, Doppelagenten, Maulwürfen, Moskauer Liebesgrüßen? Offensichtlich nicht! Denn in diesem Stoff, dessen Zustandekommen selbst schon romanhafte Züge aufweist, ist im wahrsten Wortsinn Musik drin.

Wir sind im August des Jahres '68, der sprichwörtliche Prager Frühling – die von seinen Landsleuten bejubelte Politik Alexander Dubčeks, einen 'Sozialismus mit menschlichem Antlitz' zu schaffen – steht vor der Zerschlagung. Hinweise auf einen Einmarsch von Truppen des Warschauer Pakts verdichten sich. Die CIA wartet auf konkrete Informationen des tschechischen Spions Josef Bláha, doch der will sein Wissen nur einem todsicheren Kontaktmann offenbaren, weil er nicht mehr allen Prager CIA-Agenten traut. Jemand von außen muss es sein! Die Liste möglicher unbeleckter Seiteneinsteiger schrumpft rapide bis auf einen kalifornischen Schlagzeuger:

"Nur ein Name war übrig geblieben: ein Jazzmusiker. Kein anderer hatte eine so perfekte Tarnung und so leichten Zugang wie Gene Williams. Wer könnte in der Welt der Geheimdienste fremder sein als ein Musiker wie er? Einfach, unkompliziert, ein geladener Gast beim Prager Jazzfestival."

Auf Spionageaufträge hat der Jazzer eigentlich keine Lust, für ihn zählt einzig und allein die Musik und sein Auftritt. Doch der akribische lokale CIA-Chef Alan Curtis findet Mittel und Wege, Williams zu dem zu nötigen, was zunächst nur wie ein etwas aufregender Botendienst aussieht. Insofern haben die übergeordneten Graumänner der Zentrale in Langley zwar Bedenken, wollen die Sache aber durchziehen.

" 'Lassen Sie Williams um Gottes Willen so weit es geht im Dunkeln. Wir wollen rauskriegen, was Bláha hat, aber wir wollen auf gar keinen Fall, dass irgendein verfluchter Jazzmusiker in Prag herumläuft und sich für James Bond hält.' "

Gene Williams hält sich beileibe nicht für Bond, wird aber schon sehr bald mit der grausamen Wirklichkeit und den schmutzigen Machenschaften der Dienste konfrontiert: Nachdem die Kontaktaufnahme mit Josef Bláha eingefädelt ist, findet der Musiker den Informanten ermordet in dessen Wohnung vor. Fast scheint die Mission gescheitert, wann der sowjetische Einmarsch sein soll, bleibt unklar, genauso die Frage, wer der Verräter in der Prager US-Botschaft sein könnte. Selbst beim erfahrenen Curtis macht sich eine gewisse Verzweiflung breit.

"Die Analytiker hatten sich schon öfter getäuscht. Ganz Westeuropa verließ sich darauf, dass über jede größere Aktion der Sowjets mindestens zwei Wochen im Voraus Informationen durchsickern würden. Wenn ein Einmarschdatum festgelegt worden war, dann war es das bestgehütete Geheimnis in der Geschichte der Spionage. Und jetzt war seine beste Quelle tot, und ihm blieb nur ein gottverdammter Musiker als letzte Hoffnung."

In der Folge entspinnt sich ein rasantes Hinundher zwischen den Fronten: Der Profimusiker und Amateuragent Williams verstrickt sich zwar im Netz aus Zwängen, Erpressungen und Ungewissheiten, wer denn nun auf welcher Seite steht. Doch zugleich erwacht in ihm die widerständige Kraft eines gewieften jungen Detektivs, der die Schlapphüte mit ihren eigenen Mitteln bekämpft. Er verliebt sich in Lena, die schöne Enkelin des getöteten Bláha und erlebt mit ihr das blutige Chaos des Einmarschs auf dem Wenzelsplatz.

Es ist genau diese Mischung aus zeitgeschichtlicher Realität und erfundener Abenteuergeschichte des nolens volens involvierten Musikers, die den oft variierten Thrillerthemen des Kalten Kriegs neue Aspekte abgewinnt. Das bedauerliche Ende des Prager Frühlings liest sich bei Bill Moody so plastisch, als wäre man mit Gene, Lena und Dubček erstmals dabei.

Rezension von Heinz Gorr in Bayern 2-Favoriten vom 15.12.2015

http://www.br.de/radio/bayern2/kultur/bayern-2-favoriten/bayern-2-favoriten108.html

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